
Wer zuerst Pflanzen ohne Erde gezogen hat, woher das Wort Hydroponik kommt, was Soldaten im Pazifik und Astronauten im All damit zu tun haben, und was davon nur Legende ist. Kurz, belegt und verständlich erklärt.
Bei der Hydroponik wachsen Pflanzen ohne Erde. Ihre Wurzeln nehmen Wasser und die darin gelösten Nährstoffe direkt aus einer Nährlösung auf. Das Wort setzt sich aus zwei griechischen Wörtern zusammen: hydro für Wasser und ponos für Arbeit. Frei übersetzt heißt Hydroponik also: Das Wasser erledigt die Arbeit.
Das klingt nach moderner Technik. Die Idee dahinter ist aber deutlich älter. Seit fast 400 Jahren fragen sich Forscher, wovon Pflanzen eigentlich leben: von der Erde oder von dem, was im Wasser gelöst ist. Die Antwort auf diese Frage ist die Grundlage für jeden Hydro Tower, der heute auf einem Balkon steht.
| Jahr | Was passiert ist | Wer |
|---|---|---|
| 1627 | erstes gedrucktes Werk über den Anbau von Landpflanzen ohne Erde | Francis Bacon, England |
| 1699 | Versuche mit Minze in verschiedenen Wasserarten | John Woodward, England |
| um 1842 | neun Elemente gelten als wichtig für das Pflanzenwachstum | verschiedene Forscher |
| 1859 bis 1875 | Wasserkultur mit festen Nährlösungen wird zur Forschungsmethode | Julius von Sachs und Wilhelm Knop, Deutschland |
| 1929 | Nährlösung erstmals für den Anbau von Nutzpflanzen beworben | William F. Gericke, Berkeley (USA) |
| 1937 | das Wort Hydroponik wird bekannt | Gericke, vorgeschlagen von W. A. Setchell |
| 1930er | Gemüse ohne Erde auf Wake Island im Pazifik | Pan American Airways |
| 1943 bis 1946 | Gemüse für Soldaten auf Inseln ohne Ackerboden | US-Militär, u. a. Ascension Island und Ponape |
| 1965 | die Nährfilmtechnik NFT wird entwickelt | Allen Cooper, Littlehampton (England) |
| 2009 | die Kratky-Methode ohne Pumpe wird veröffentlicht | Bernard Kratky, Universität Hawaii |
| 2015 | Astronauten essen auf der ISS selbst gezogenen Salat | NASA, Veggie-System |
| 2018 | Gemüse aus einem Gewächshaus in der Antarktis | DLR, Projekt EDEN ISS |
Auf vielen Seiten im Netz liest du, die Hydroponik habe in Babylon oder bei den Azteken begonnen. Das klingt schön, hält einer genauen Prüfung aber nicht stand. Ich trenne darum klar zwischen Legende und belegter Geschichte.
Die Hängenden Gärten gelten als eines der sieben Weltwunder der Antike. Ob es sie in Babylon wirklich gab, ist bis heute nicht belegt. In Babylon wurden keine archäologischen Spuren gefunden, und keine erhaltene babylonische Schrift erwähnt sie. Manche Forscher vermuten, dass eigentlich ein Garten in der assyrischen Stadt Ninive gemeint war. Die antiken Berichte beschreiben außerdem tiefe Erde, in der sogar große Bäume wurzeln konnten. Mit Hydroponik hat das also nichts zu tun.
Die Chinampas im Hochtal von Mexiko werden oft schwimmende Gärten genannt. Tatsächlich schwammen sie nicht. Es waren künstliche Beete im flachen See: Ein Rechteck wurde mit Pfählen und Flechtwerk abgesteckt und mit Schlamm, Seeschlamm und verrottenden Pflanzen aufgefüllt, bis es über das Wasser ragte. Bäume an den Ecken hielten das Beet fest. Die ältesten sicher datierten Felder stammen aus der Zeit von etwa 1150 bis 1350. Die Pflanzen wuchsen also in sehr fruchtbarer Erde. Eine geniale Anbaumethode, aber keine Hydroponik.
17. Jahrhundert, England
Das erste gedruckte Werk über den Anbau von Landpflanzen ohne Erde ist das Buch Sylva Sylvarum des englischen Philosophen Francis Bacon. Es erschien 1627, ein Jahr nach seinem Tod. Danach wurde die Wasserkultur zu einer beliebten Methode in der Forschung.
1699 veröffentlichte der Engländer John Woodward seine Versuche mit Minze. Er zog die Pflanzen in verschiedenen Wasserarten und stellte fest: In weniger reinem Wasser wuchsen sie besser als in destilliertem Wasser. Daraus schloss man, dass die Pflanzen etwas brauchen, das im Wasser gelöst ist. Genau das ist der Kern der Hydroponik.
19. Jahrhundert, Deutschland
Um 1842 war eine Liste mit neun Elementen bekannt, die man für das Pflanzenwachstum als wichtig ansah. Zwischen 1859 und 1875 machten die deutschen Botaniker Julius von Sachs und Wilhelm Knop die Wasserkultur zu einer festen Methode in Forschung und Lehre. Sie bestimmten, welche Nährstoffe Pflanzen wirklich brauchen, und arbeiteten mit genau festgelegten Nährlösungen.
Knop forschte an der landwirtschaftlichen Versuchsstation Möckern bei Leipzig. Seine Nährlösung aus vier Salzen und etwas Eisen ist als Knopsche Nährlösung bekannt und wird in der Pflanzenforschung bis heute genutzt. Jeder Dünger, den du heute in deinen Tower gibst, baut auf diesem Wissen auf.
1929 bis 1940, Kalifornien
Lange blieb die Wasserkultur ein Werkzeug für Labore. Das änderte William Frederick Gericke von der Universität Berkeley in Kalifornien. Ab 1929 warb er öffentlich dafür, Nutzpflanzen in Nährlösung anzubauen. Zuerst nannte er das Verfahren aquiculture. 1937 setzte sich das Wort hydroponics durch, das der Botaniker W. A. Setchell vorgeschlagen hatte. Im selben Jahr erschien Gerickes Artikel dazu in der Fachzeitschrift Science.
Gericke zog in seinen Becken unter anderem große Tomatenpflanzen, Kartoffeln und Tabak, und die Zeitungen berichteten darüber. Die Universität war skeptisch. 1938 kamen Dennis Hoagland und Daniel Arnon in einer eigenen Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Hydroponik nicht mehr Ertrag bringt als guter Boden. Gericke hielt ihren Vergleich für fehlerhaft. 1940 veröffentlichte er sein Buch The Complete Guide to Soilless Gardening mit seinen Rezepten für Haupt- und Spurennährstoffe.
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Zum Shop ›1930er und 1940er Jahre
Die ersten großen Einsätze gab es dort, wo gar kein Ackerboden war. In den 1930er Jahren baute die Fluggesellschaft Pan American Airways auf Wake Island im Pazifik Gemüse ohne Erde an. Die Insel war ein Zwischenstopp für ihre Flugboote, hatte keinen nutzbaren Boden, und frisches Gemüse einzufliegen war zu teuer.
Im Zweiten Weltkrieg nutzte das US-Militär die Hydroponik, um Soldaten auf abgelegenen Inseln mit frischem Gemüse zu versorgen. Auf Ascension Island im Südatlantik wurde das Wasser dafür aus Meerwasser gewonnen. Weil es dort keine Bienen gab, wurden die Blüten von Hand bestäubt. Daniel Arnon, der Kritiker von Gericke, baute von 1943 bis 1946 selbst Gemüse ohne Erde für Soldaten auf der Pazifikinsel Ponape an.
1965 bis heute
1965 entwickelte Allen Cooper am Glasshouse Crops Research Institute in Littlehampton in England die Nährfilmtechnik, kurz NFT. Dabei fließt ein dünner Film aus Nährlösung durch flache Rinnen an den Wurzeln vorbei. NFT ist bis heute im Erwerbsgartenbau verbreitet. Mehr dazu auf meiner Seite zur Nutrient Film Technique.
2009 veröffentlichte Bernard Kratky von der Universität Hawaii eine Methode, die ganz ohne Pumpe und Strom auskommt. Die Pflanze steht über einem Behälter mit Nährlösung, und während sie trinkt, sinkt der Wasserspiegel langsam ab. So entsteht über der Lösung ein Luftraum für die Wurzeln. Wie das geht, zeige ich dir bei der Kratky-Methode.
Auch die Hydro Tower, wie ich sie baue, gehören in diese Entwicklung. Unten im Behälter steht eine Pumpe, die die Nährlösung nach oben fördert. Oben verteilt sie sich und läuft innen an den Wurzeln vorbei zurück in den Behälter. So entsteht ein geschlossener Kreislauf, der Wasser, Dünger und Zeit spart.
2014 bis heute
Die NASA erforscht seit Jahrzehnten, wie Astronauten auf langen Reisen frisches Gemüse anbauen können. Auf der Internationalen Raumstation ISS wachsen Pflanzen im Veggie-System unter LED-Licht, ohne Erde, in kleinen Kissen mit gebranntem Ton, Dünger und Wasser. Am 10. August 2015 aßen Astronauten zum ersten Mal Salat, den sie dort selbst gezogen hatten: einen roten Römersalat. Für eine Reise zum Mars, die zwei bis drei Jahre dauern kann, soll frisches Gemüse die Vorräte ergänzen.
Auch in Deutschland wird daran geforscht. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) betrieb im Projekt EDEN ISS ein Gewächshaus an der Neumayer-Station III in der Antarktis. Die Pflanzen wuchsen dort ohne Erde und unter künstlichem Licht, die Wurzeln wurden regelmäßig mit Nährlösung besprüht. Die erste Ernte im Frühjahr 2018 brachte 3,6 kg Salat, 70 Radieschen und 18 Gurken. Wie es mit der Hydroponik weitergehen kann, liest du auf meiner Seite zur Zukunft der Hydroponik.

Meine ersten Erfahrungen mit Pflanzen habe ich schon mit ungefähr sechs Jahren gesammelt. In den Schulferien war ich oft bei meinen Großeltern in der Nähe von Freiberg. Ferien hieß damals für mich: mit dem alten Ikarus-Bus raus aufs Feld, mitten zwischen einer Truppe älterer Damen, und beim Tabakanbau und Steinelesen mit anpacken. Geblieben ist aus dieser Zeit die Freude daran, draußen zu sein, mit den eigenen Händen etwas zu machen und Pflanzen wachsen zu sehen.
Viele Jahre später bin ich wieder beim Gärtnern gelandet, nur eben ohne Erde. Als ich mit der Hydroponik anfing, gab es kaum jemanden, den ich fragen konnte. Die Videos aus Fernost halfen mir wegen der Sprache wenig. Also habe ich mich Schritt für Schritt herangetastet. Mein erster Versuch: Samen in einen Würfel und den Würfel direkt in den Tower. Viele Samen keimten nicht, und was kam, bekam lange, dünne Stängel.
Der Grund: Im Tower steckt der Würfel mehrere Zentimeter tief im Gitternetztopf, also in einem dunklen Loch. Lichtkeimer wie Salat bekommen dort zu wenig Licht, und die Keimlinge recken sich lang und dünn nach oben. Aus diesen Fehlern sind meine Anzuchtbox und meine Anzuchtstationen entstanden. Heute ziehe ich alles vor und setze nur kräftige Jungpflanzen in den Tower. In meinem Gewächshaus habe ich auf nur vier Quadratmetern 36 Tomatenpflanzen angebaut. So schließt sich für mich der Kreis von Woodwards Minze bis zum eigenen Tower.
Mehr Grundlagen findest du auf meiner Seite Hydroponik für Einsteiger, bei den Vorteilen und bei den Mythen und Fakten.

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